Eine Reise in die Walachei

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Călăraşi liegt tief im Süden Rumäniens, ganz nah an der Grenze zu Bulgarien. Man muss dorthin durch die bei uns sprichwörtliche Walachei fahren. Zu diesem Treffen fuhren wieder Uta und Barbara.

Die wenigen Tage des Treffens waren damit ausgefüllt, die vergangenen und zukünftigen Aktivitäten zu besprechen. Unter anderem zeigten die Italiener aus Montesca CSFVM das Lernspiel, das sie für Familien mit Kindern entwickelt hatten. Alle Präsentationen, die in Călăraşi gehalten wurden, sind auf der Internetseite des Projektes dokumentiert. Wie immer waren wir auch hier eine internationale Gruppe mit dem entsprechenden Sprachengewirr, das sich immer dann auflöste, wenn alle Englisch als Lingua Franca benutzten.

Allerdings gab es diesmal Schwierigkeiten: Die polnischen Partner waren mit einer größeren Gruppe von Senioren gekommen und diese sprachen außer polnisch, wenn überhaupt, nur noch russisch. Leider konnte niemand von den anderen Teilnehmern diese beiden Sprachen, so dass keine Verständigung möglich war.

Die Fahrt nach Călăraşi

von Barbara

Wir wurden am Flughafen in Bukarest von unseren Gastgebern abgeholt, die für uns einen Bus gemietet hatten. Offiziell braucht man für die Fahrt etwa drei Stunden, aber bis wir aus der Stadt heraus waren, verging bestimmt eine weitere Stunde, wenn nicht mehr, so verstopft waren die Straßen. Am meisten fielen uns in der Stadt die Hunde auf, die in Rudeln an der Straße entlangliefen.

Bei der Reise über Land hatten wir dann das Gefühl in eine vergangene Zeit einzutauchen. Eselskarren kreuzten die Straße, Pferdewagen fuhren blecherne Milchkannen aus, Heuwagen mischten sich unter die Autos. Zwischendurch zog eine riesige Fabrikanlage die Aufmerksamkeit auf sich, die als Ruine neben der Straße stand. Dann kamen wieder weite Flächen mit Steppe; kleine Dörfer, in denen jedes Haus von einem stabilen Zaun umgeben war; Dorfbrunnen mit langen Stangen, wie man sie bei uns nur aus alten Filmen kennt.

In Călăraşi angekommen, erholten wir uns erst einmal von der langen Fahrt, die uns doch etwas mitgenommen hatte. Am nächsten Tag besichtigten wir dann die Einrichtung unserer rumänischen Partner, ein schönes nicht sehr großes Haus mit einem wunderhübschen Garten. Da es dort im September immer noch sommerlich warm war, hatte man für die Pausen im Garten gedeckt. Ein Tisch, üppig bestückt mit köstlichem rumänischen Backwaren, erwartete uns zum Kaffee.

Fünf Stunden Essen

von Barbara

Unsere Gastgeber hatten für uns einen ganz besonderen Abend organisiert. Wir fuhren zu einem Restaurant, von dessen Terrasse wir auf einen Seitenarm der Donau sahen. Große runde Tische empfingen uns. Sie waren schon reichlich mit Tellern und besonders mit Gläsern eingedeckt und dekoriert. Es gab ein rumänisches Hochzeitsessen.

Dieses opulente Essen begann mit einem scharfen Getränk, mit dem wir uns zuprosteten. Der erste Gang war eine kräftige Suppe. Dann folgte ein Gang auf den nächsten, unterbrochen natürlich von Wartezeiten, die mit Musik und Reden ausgefüllt waren. Insgesamt wurden neun verschiedene Gänge aufgetragen, jeder immer mit vier verschiedenen Speisen und reichlich Wein und Schnaps zum Hinunterspülen. Beim letzten Gang konnten wir nur noch voller Galgenhumor stöhnen: “Was nur noch eine Speise?”. Mit fünf Stunden war es das längste Essen meines Lebens! Aber normalerweise dauert so ein Hochzeitsessen zwei Tage lang, versicherten uns die Gastgeber.

Bukarest

von Barbara

In Bukarest hatte Uta ein Apartment in einem supermodernen Hotel gebucht. Wir hatten zwei Tage Zeit bis zum Rückflug und nutzten den Abend zu einem Stadtbummel. Auf einem Platz stand eine Bühne und davor Stühle. Eine Band spielte unter freiem Himmel Jazzmusik, südliches Leben und südliches Flair! Am nächsten Tag besuchten wir einige Sehenswürdigkeiten. Wir „bestaunten“ den größenwahnsinnigen Präsidentenpalast des Diktators Ceaucescu von außen und bewunderten die Goldfunde aus den skythischen Grabstätten im Museum. Die römischen Überreste, die dort ebenfalls ausgestellt waren, machten uns etwas klar, woran wir vorher gar nicht gedacht hatten: Wir waren in einem Gebiet, das einst von den Römern beherrscht worden war. Jetzt verstanden wir auch den Hinweis unserer spanischen Partner, dass in ihrem Land viele rumänische Flüchtlinge leben. Die rumänische Sprache gehört zur romanischen Sprachenfamilie. Daher können Rumänen leicht spanisch lernen.

Wir besuchten auch ein Freilichtmuseum mit historischen Bauernhäusern aus allen Gegenden des Landes und auf meinen besonderen Wunsch hin ließen wir uns mit dem Taxi zum Bellu-Friedhof fahren, dem größten und berühmtesten Friedhof der Stadt.

Der Bellu-Friedhof

von Barbara

Der Bellu-Friedhof heißt nach dem Baron Birbu Bellu (1825 -1900), der an dieser Stelle einen großen Garten besaß, den er als Begräbnisplatz der Stadt schenkte. Der Friedhof besteht aus einem größeren orthodoxen Teil und einem kleineren katholischen Friedhof, der von ihm durch eine Mauer abgetrennt ist. Dort fallen gleich rechts vom Eingang mehrere Reihen mit Soldatengräbern ins Auge. Sie sind nach Osten ausgerichtet, doch an ihrer Seite befinden sich zwei Gräberreihen, die schräg dazu angelegt sind. Hier sind zum einen christliche französische und zum anderen muslimische Soldaten aus Algerien bestattet. Die Franzosen haben jeweils ein Metallkreuz in Form eines großen Degens erhalten, die Algerier dagegen eine steinerne Stele. Sie haben zwischen 1916 und 1919 zusammen in der französischen Armee gekämpft und während des 1. Weltkrieges für kurze Zeit Bukarest eingenommen. Noch ein zweites gemeinsames Grabfeld enthält der katholische Friedhof: Die Anlage für die Schwestern des Institutes Sta. Maria in Rumänien. Die Ordensoberinnen kamen offenbar zum größten Teil aus Deutschland, wie die Sprache der Inschriften auf den Grabsteinen verrät.

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Bellu-Friedhof (Foto Barbara Leisner)

Der orthodoxe Friedhof ist wesentlich größer als der katholische. Große Familien der Stadt besitzen hier Gruften, Kapellen und Grabstätten, von denen viele aus der Zeit um 1900 stammen und sehr reich ausgeschmückt sind. Eine besondere Geschichte verbirgt sich hinter einer Bronzegruppe, die von dem italienischen Bildhauer Raffaello Romanelli (1856-1928) aus Florenz signiert ist. Es zeigt eine liegende Frau auf einem hohen Bett, über die sich ein junger Mann beugt. Dargestellt sind Konstantin und Eufrosina Poroinianu, verstorben in den Jahren 1908 und 1902. Um ihr Leben webt sich ein Mythos: Sie sollen Geschwister gewesen sein, die schon in früher Jugend getrennt wurden und sich später durch einen Zufall in Frankreich kennenlernten. Sie verliebten sich, heirateten und lebten glücklich zusammen, ohne von ihrer Verwandtschaft zu wissen. Erst als sie nach Bukarest zurückkehrten, erfuhren sie davon. Daraufhin soll der junge Ehemann sein Gewehr genommen, seine Schwester und Ehefrau erschossen und anschließend Selbstmord begangen haben. Allerdings sprechen die unterschiedlichen Todesdaten dafür, dass die historisch belegte Geschichte eines zufällig verheirateten Geschwisterpaares vom Volksmund mit diesem Grabmal verbunden wurde. Übrigens bevölkern nicht nur Menschen – tote und lebendige – den Friedhof, auch die Hunde und Katzen von Bukarest haben ihn zu ihrem Revier gemacht und ruhen sich zwischendurch auf den Gräbern aus.

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