Gebratene Schweineohren und andere Köstlichkeiten

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Mit 35 Teilnehmern aus allen Partnerorganisationen war das Treffen in Vilnius sehr gut besucht. Von SLO flogen Uta, Barbara, Marlit, Ute, Manfred und Johanna nach Litauen. Am Flughafen wurden wir von der Gastgeberin Kristina persönlich empfangen und mit dem Privatauto durch die Stadt zu unserem Hotel gefahren.

Gleich für den ersten Abend hatte sie einen langen Tisch in einer sehr typischen litauischen Kneipe für uns reserviert. Am folgenden Tag kamen so langsam alle anderen Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern in Vilnius an. Das Arbeitstreffen sollte erst einen Tag darauf beginnen. Wir hatten daher noch freie Zeit für einen Besuch der nahegelegenen Stadt Kaunas. (Warum, kann man in dem Abschnitt „Opodo und Baltic Air“ weiter unten lesen!)

Am Abend waren dann die Teilnehmer vollzählig versammelt und am nächsten Morgen konnte die Projektarbeit starten. Wie immer durften wir als erstes die Einrichtung unserer Gastgeber besichtigen, ein Unterrichtszentrum für Erwachsene, in dem zahlreiche, sehr unterschiedliche Kurse angeboten werden. Am beeindruckendsten war vielleicht das Aquarium, in dem ein lebendiger Molch gehalten wurde. So ein Tier hatten wir bisher noch nicht „live“ gesehen.

Die Agenda für den ersten Tag sah vor, dass jede Organisation von ihren Fortschritten berichtete. Danach informierte Uta über E-Bookreader und die Frage, wie man E-Books findet, kauft, herunterlädt oder ausleiht. Marlit präsentierte den Stand der Arbeit an unserem gemeinsamen E-Book und Johanna stellte Apps auf ihrem Android-Smartphone vor sowie die Möglichkeit, den Bildschirm des Smartphones über den Anschluss an Laptop und Beamer an die Wand zu werfen. Ihr Bericht, den sie auf ihrem Blog veröffentlicht hat, folgt weiter unten.

Abends führte uns das Tanzensemble der Schule – Senioren in Landestracht, begleitet von Akkordeonmusik – Volkstänze vor. Dazu hatten die Frauen des Zentrums ein üppiges Buffet mit einheimischen Speisen aufgestellt, das die ausländischen Teilnehmer noch mit jenen Esswaren bestückten, die sie von zu Hause mitgebracht hatten.

 

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Ein üppiges Buffet (Foto Barbara Leisner)

Der Abend klang tanzend aus und es muss noch sehr lustig zugegangen sein und auch Tanzvorführungen aus den Partnerländern gegeben haben. Wir Senioren von SLO waren allerdings müde geworden und hatten uns da schon zurückgezogen.

Der zweite Tag begann sehr heiter mit einem internationalen Geburtstagsständchen für Ute. Jede Teilnehmergruppe sang ein Geburtstagslied in der eigenen Sprache. Fazit: Es gibt ganz schön viele unterschiedliche Geburtstagslieder und nicht nur “happy birthday”! Uta hat dazu dieses Video aufgezeichnet.

Noch einmal stand das Thema Apps auf der Tagesordnung. Später gab es noch eine kleine “Litauische Sprachübung” für alle. Kristina hatte uns für die Begrüßungsmappe ein Blatt mit dem litauischem Grundwortschatz und seiner englischen Übersetzung zusammengestellt. Mit zwei verschiedenen Apps (Sprachmemos / Hokusai Audioeditor) hatte Barbara die litauischen Worte per Iphone aufgenommen und per Ipad bearbeitet. Unter Utas Anleitung durften dann alle die Ausprache üben. Ganz zum Schluss wurden wie immer die Teilnahmezertifikate mit einer herzlichen Umarmung ausgehändigt.

Am späten Nachmittag war Stadtführung in Vilnius angesagt. Die meiste Zeit hatten wir blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein gehabt, aber ausgerechnet jetzt änderte sich das Wetter schlagartig. Von der Führerin, die uns mit lebendigen Worten die Sehenswürdigkeiten erklärte, hörten wir, dass “Litauen” ein Wort für Regen enthält und dass es in ihrem Land häufig regne. Das durften wir dann gleich am eigenen Leib erfahren. Selbst die großen “Europaschirme”, die wir von den Gastgebern vorsorglich erhalten hatten, hielten dem Unwetter nicht stand, das mit Blitz und Donner hereinbrach. Es half nichts, die Führung musste abgebrochen werden. Alle retteten sich in das Kellerlokal Zemaciai, das dann mit großen Fleischportionen aufwartete.

Opodo und AirBaltic – unsere Flugbuchung von Hamburg nach Vilnius

von Uta und Barbara

Wir buchten unsere Flüge nach Vilnius schon vier Monate vorher, weil man so früh noch günstige Preise bekommt. Marlit aus Freiburg nutzte den ADAC, Johanna aus Nürnberg ihr Reisebüro. Uta übernahm die Buchung für die vier Norddeutschen. Sie suchte auf der Plattform Opodo das günstigste Angebot heraus: Das war ein Flug mit AirBaltic. Tja, da haben wir dann wieder einmal gelernt, dass das billigste Angebot nicht immer das (preis-)günstigste ist: AirBaltic verschob einmal die Abflugzeiten, dann nochmal und dann sollten wir früher von Riga nach Vilnius starten, als wir von Hamburg abgeflogen wären und dafür um Mitternacht ankommen. Air Baltic hatte den über Opodo gebuchten Flug einfach gestrichen! Erstaunlicherweise wusste Johanna, die von Nürnberg kam und mit uns via Hamburg fliegen sollte, das schon früher als wir. Letztlich flogen wir einen Tag früher ab und kamen zu einer vernünftigen Zeit in Riga an.
Aber auch der Preis stimmte letztendlich nicht mit unseren Vorstellungen überein: Für den Check-In am Flughafen hatten wir das Online-Verfahren gewählt. Erst dabei erfuhren wir, dass wir unser Gepäck – und zwar alles – extra bezahlen mussten. Opodo hatte nachträglich in der Buchungsbestätigung “Freigepäck 0” ausgewiesen! Da fragten wir uns schon: Was nützt dieses Portal zum Preisvergleich, wenn es gar nicht dieselben Bedingungen zugrunde legt? Dazu kam noch: Wenn man nicht online eincheckte, musste man nochmal extra bezahlen; benutzte man die AirBaltickarte nicht, kostete es ebenfalls mehr. Da wird der billigste Flug leicht genauso teuer wie der mit einer angeblich teuren Airline!

Schweineohren und Schwarzbrot

von Marlit

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Schweineohren und Schwarzbrot (Foto Marlit Pfefferle)

Es war schon etwas fremd, das Essen, das da am ersten Abend für uns auf den Tisch kam. Natürlich sprach keiner von uns litauisch und so bestellten unsere Gastgeber und wir probierten bunt durch die Reihe. Mir hat das geröstete Schwarzbrot am besten geschmeckt. Mit den gebratenen Schweineohrenstreifen konnte ich dagegen nicht so viel anfangen. Aber gekostet habe ich von allem und das Bier war sehr lecker!

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Altes Restaurant (Foto Marlit Pfefferle)

Am meisten überrascht aber hat mich das Restaurant, in dem wir zweimal zu Mittag aßen, weil es ganz in der Nähe unseres Tagungortes lag. Selten habe ich ein so phantasievoll eingerichtetes Lokal gesehen.

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Teekessel und Waschbecken (Foto Marlit Pfefferle)

Begeistert haben  mich der alte Teekessel, der als Wasserspender diente, aber auch die vielen historischen Geräte und Maschinen, die der Wirt gesammelt und bei sich neu aufgestellt hat. Natürlich gab es typisch litauische Gerichte. Sie sind wirklich zu empfehlen:

Cepelinai

Cepelinai sind mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße und zwar nach Art der Thüringer Klöße, also 2/3 rohe Kartoffeln und 1/3 gekochte Kartoffeln. Bei uns werden sie auch grüne Klöße genannt, sind dann allerdings meist mit gerösteten Weissbrotwürfeln gefüllt. Über die litauischen Cepelinai kommt dann eine Sosse aus saurer Sahne. Und die Portionen, einfach riesig!

Cepelinai

Cepelinai (Foto Marlit Pfefferle)

Rezept:
Zutaten für 4 Personen

  • ca. 1 kg Kartoffeln
  • 1 kl. Zwiebel
  • Salz
  • Pfeffer

Füllung:

  • 500 gr. Hackfleisch
  • Salz
  • Pfeffer,1 kl. Zwiebel
  • 1 hartgekochtes Ei

Soße:

  • 200 gr. Schinken gewürfelt
  • 1 kl. Zwiebel
  • 1 Becher saure Sahne
  • Milch
  • Salz
  • Pfeffer

Ein Drittel der Kartoffeln raspeln und kochen, zwei Drittel Kartoffeln roh lassen und in Wasser raspeln, damit sie nicht braun werden. Dann gut ausdrücken und mit dem anderen Drittel vermischen und würzen. Das Hackfleisch mit der Zwiebel anbraten, etwas abkühlen lassen, würzen. Kartoffelmischung zu Klößen formen und mit dem Hackfleisch füllen. In die Mitte Stückchen vom gekochten Ei geben. Die gefüllten Klöße in Salzwasser leicht kochen lassen, bis sie nach oben kommen.
Für die Soße den Schinken und die Zwiebel anbraten und kaltstellen. Der Becher saure Sahne wird mit etwas Milch gut gemischt und mit Salz und Pfeffer gewürzt.
Am besten wird der Kloß in einem Suppenteller serviert, die Soße darüber gegossen, der gebratene Schinken seitlich hübsch daneben gelegt, und alles mit etwas Petersilie garniert.
Vielen Dank an Kristina Martinaviciute. Von ihr habe ich dieses Originalrezept aus Litauen.

Saltibarsciai

Saltibasciai

Saltibarsciai (Foto Marlit Pfefferle)

Das ist eine rote Beete Suppe mit warmen Kartoffeln.
Zutaten für 4 Personen: 

  • 3 Stück rote Beete waschen, kochen, schälen und grob raspeln
  • frische Gurken
  • 2 hartgekochte Eier
  • 1 Becher saure Sahne
  • 1 Becher Kefir oder Sauermilch
  • Dill
  • Salz
  • Pfeffer

Zubereitung:
Kefir oder Sauermilch mit der sauren Sahne verrühren, dann hartgekochtes Ei sehr klein schneiden und einrühren. Rote Beete, sehr klein geschnitten und einen Teil davon püriert, zugeben. Gurke klein geschnitten ebenfalls zugeben, würzen und mit Dill bestreuen. Hierzu werden warme Kartoffeln serviert.

 

Eisenbahn fahren in Litauen

von Manfred
Was tun in Vilnius, wenn Baltic Airlines für einen freien Tag vor dem Beginn der offiziellen Veranstaltung gesorgt hat? Stadtbesichtigung? Liegt nahe, ist aber ohnehin noch vorgesehen. Nähere Umgebung erkunden? Durchaus möglich, aber nur so in einen beliebigen Trolley steigen und hoffen, in attraktiver Gegend zu landen? Halt, eine bessere Idee: Nach Kaunas, der zweitgrößten Stadt des Landes fahren und hier bekannte Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen. Aber wie hinkommen? Richtig, mit Taxi oder Mietwagen kein Problem und von den Kosten her noch tragbar, aber für einen überzeugten Eisenbahnliebhaber irgendwie uncool.

Die Dinge nehmen ihren Lauf: Wir, das sind Barbara, Uta, Ute und ich, fahren mit dem Trolley zum Hauptbahnhof Vilnius. Der erste Eindruck ist positiv; das repräsentative Empfangsgebäude ist baulich in einem hervorragenden Zustand, übersichtlich eingerichtet und tadellos sauber. Die Zugabfahrpläne sind trotz der uns unbekannten Sprache gut lesbar. Die Zugdichte im Regionalverkehr in alle Richtungen ist bemerkenswert; so ist es auch möglich, ohne nennenswerte Wartezeit nach Kaunas, das an der Strecke nach Klaipèda liegt, zu kommen. Fahrkarten können am Schalter (für die Kunden der Deutsche Bahn AG: gemeint sind die „ticketcounter“), aber auch per Automat erworben werden. Die Preise der litauischen Staatsbahn sind, auch unter Einbeziehung vergleichsweise niedriger Einkommen der Normalbürger, ausgesprochen moderat.

Die nächsten Überraschungen: moderne, überwiegend elektrische Triebfahrzeuge, sämtliche Zuggarnituren entsprechen dem aktuellen mitteleuropäischen Standard. Tadellos gepflegte Gleisanlagen und umfassend modernisierte Signaltechnik. Wir steigen in einen zweckmäßig eingerichteten, aber durchaus komfortablen, behaglichen Doppelstockwagen und nehmen auf dem Oberdeck Platz.
Pünktlich verlässt der Zug Vilnius und nimmt zügig Fahrt auf. Keine Spur von Nebenbahnromantik. Unterwegsbahnhöfe und Haltepunkte auf dem Weg nach Kaunas, die offensichtlich in der jüngeren Vergangenheit renoviert worden sind, machen einen sehr gepflegten Eindruck. Graffitischmierereien gibt es nicht, Außenanlagen sind von Spontanvegetation (früher sagte man „Unkraut“) freigehalten.
Die Fahrt vergeht buchstäblich wie im Fluge. Pünktlich erreichen wir Kaunas. Auch hier haben Bahnbauten, Zustand von Gleisanlagen und Signaltechnik „Vilnius-Standard“.

Nach einem sehr erfreulichen Aufenthalt in Kaunas geht es am frühen Abend zurück nach  Vilnius. Wer noch Fragen zum Verlauf der Rückfahrt hat, muss sie an meine Mitfahrer richten. Ich habe sie weitgehend verschlafen.

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Die Erzengel Michael Kirche in Kaunas (Foto Barbara Leisner)

Meine Androida

von Johanna

Mein Smartphone heißt Androida und hat einige  typisch weibliche Eigenschaften: Sie ist charmant, kann aber recht zickig sein, ja manchmal sogar regelrecht störrisch. Sie hört nicht auf guten Rat und liebt ihre Unabhängigkeit. Schon gar nicht will sie das Gefühl haben, angebunden zu sein. Aber manchmal geht es nicht anders, dann muss sie sich einordnen, und das geht oft nicht ohne lange und ermüdende Protestaktionen. So auch geschehen in Vilnius.

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Androida (Grafik Wolfgang Warko)

Statt dass Androida froh und stolz war, die Tage in der erleuchteten Gesellschaft von iPads und iPhones verbringen zu dürfen, machte sie von Anfang an auf „Außenseiterin mit Allüren“. Es ging schon damit los, dass sie nicht telefonieren wollte. “Nein“ sagte sie, „wer bin ich denn? Du kannst mir noch so wunderschönes ausländisches Kartenzeug zu essen geben – ich weiß ja, dass du es gut mit mir meinst – du siehst doch, mir wird so schlecht davon, ich mag nicht!“
Da musste ich aber meinen Frust schon mal  kundtun: „Ach, Androida, wie stehe ich denn jetzt da? Wir zwei zusammen vertreten hier eine Gemeinschaft von Millionen Anwendern, die nicht so reglementiert werden wollen, und ausgerechnet jetzt machst du mir solchen Ärger, das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich brauche dich!“ Nach langem, liebevollem Zureden erklärte sie sich dann endlich wenigstens gnädig dazu bereit, meine sms weiterleiten zu wollen.

Weil ich Androida gut zu kennen glaubte, hatte ich mir im Stillen vorgenommen, mit ihr zusammen auch einige Kunststückchen vorzuführen. Jede Teilnehmer-Gruppe hatte nämlich eine Aufgabe übernommen. Zuhause – am heimischen Notebook – und auch in ihrer geistigen Heimat, dem SeniorenNetz Erlangen, hatte ich nie Probleme damit. Androidas Charme und ihre Stärke liegen ja in ihrer Vielseitigkeit und das wollte ich gerne zeigen.

Aber wehe, wehe!

„Was?“, schimpfte sie sofort los, als ich ihr sagte, sie müsse heute ausnahmsweise Fremdfutter ertragen und würde sogar an einem unbekannten Notebook mit Beamer-Anschluss andocken müssen: „Ich doch nicht, du kennst mich doch, ich funktioniere nur mit Droid@Screen. Ha, das weiß ich genau, dass das hier nicht geht, viel zu kompliziert. Vergiss es!!“

Da hatte sie allerdings nicht völlig Unrecht, denn ich hatte in aller Welt herum posaunt, wie schwierig es sei, ein geeignetes Beamer-Futter für Androida und ihre ältere Schwester Androidis zu finden…..

Bei meiner nächsten Bemerkung wurde sie dann aber doch sehr blass. „NEIN, mein Mädchen, so nicht! Ich kenne dich, habe weiter gedacht und dir ein ganz leckeres Ersatzfutter mitgebracht. Schau her“. „Oh nein“, stöhnte sie, als ich einen USB-Stick hervorholte, „das kannst du mir doch nicht antun!“. „Oh doch“, sagte ich streng, „du wirst mich hier nicht vor der gesamten internationalen illustren Versammlung  blamieren“,  und übergab den Stick dem jungen, kompetenten Futtermeister (alias: Administrator).

Androida wehrte sich offenbar nach Kräften, denn nach einiger Zeit zeigte es sich, dass das Notebook noch ein bestimmtes Update brauchte um das Spezial-Futter namens Phone Explorer überhaupt verwerten zu können. Nun packte auch dem Futter-Einleser der Ehrgeiz, die renitente Androida zu überlisten – sie sollte schließlich wissen, wer hier der Boss war.

Es verging wieder einige Zeit. Androida war still geworden, zu still und ich ahnte schon, dass sie etwas ausheckte. Und ja, plötzlich zeigte mir der Futtermeister, was ihr als Rache eingefallen war: Mein ganzes Telefonbuch hatte sie ausgespuckt und auf dem fremden Notebook abgeladen! Nur ein Glück, dass der Beamer noch nicht angeschlossen war!

Sie hatte es wieder mal geschafft. Meine Redezeit war fast um. Ich hätte heulen können vor Wut und zischte ihr zu: „Wenn du jetzt nicht genau tust, was ich will, tausche ich dich ein und dann kannst du sehen, wo du bleibst!“

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Johanna präsentiert (Foto Johanna Warko)

Da wurde sie ganz zahm, blinkte mir verschwörerisch zu und flüsterte: „Bitte nicht, ich weiß genau, du liebst mich und meine ganze Familie, du bist doch wie wir: offen für Neues und nie zu alt zum Lernen“, und mit diesen Worten gewann Androida mein Herz für immer!

Der alte Friedhof von Vilnius

von Barbara

Am drittem Tag des Treffens war eine Besprechung der Koordinatoren des Projektes angesagt. Wir einfachen Teilnehmer hatten Freizeit. Ich hatte mir vorgenommen, den Alten Friedhof von Vilnius aufzusuchen. Leider interessierte sich niemand sonst dafür und so musste ich mich allein auf den Weg machen. Zuerst mit der Straßenbahn zum Bahnhof. Dahin waren wir schon einmal gefahren, als wir Kaunas besuchten. Dann, mit dem Stadtplan in der Hand, zu Fuß weiter durch eine schon fast ländliche Vorstadt von Vilnius.

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Auf dem Weg zum Friedhof (Foto Barbara Leisner

Und gerade als ich dachte, ich finde den Friedhof nicht, sehe ich einen Parkplatz mit einer Reihe von Bussen, Marktständen und den Friedhofseingang. Ich hatte natürlich erwartet, dass ich ganz allein durch die Grabreihen schlendern würde, und schon ein wenig die Einsamkeit gefürchtet. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Mindestens fünf große Gruppen wurden von verschiedenen Führern auf dem Friedhof herumgeführt. Es herrschte wirklich touristischer Hochbetrieb!

Die Gründe wurden mir erst später klar und sie liegen natürlich in der Geschichte dieses Landes. Litauen war Jahrhunderte lang Spielball seiner übermächtigen Nachbarn, Russland und Polen. Im Zweiten Weltkrieg besetzten außerdem die Deutschen das Land. In wenigen Monaten ermordeten sie einen Großteil der jüdischen Bevölkerung von Vilnius, das im Judentum lange als zweites Jerusalem galt. Am Ende des Krieges wurden die Deutschen von der Roten Armee vertrieben und das Land wurde zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (LSSR). Erst nach 1988 konnte es im Zuge der Perestroika sein Geschick als souveräner Staat wieder selbst in die Hand nehmen.

Die Sowjets hatten den Alten Friedhof im Jahr 1967 geschlossen und verwahrlosen lassen. 1980 sollte sogar an seiner Stelle eine Schnellstraße gebaut werden. Öffentliche Empörung sorgte zusammen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten dafür, dass der Plan ad acta gelegt werden musste. Nach 1990 begannen dann litauische und polnische Behörden damit den Friedhof zu restaurieren, denn für beide Staaten enthält dieser Ort bedeutsame Erinnerungen.

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Soldaten Friedhof und Herzgrab von Marschall Pilsudski (Foto Barbara Leisner)

Direkt am Eingang liegt ein kleiner Soldatenfriedhof, bei dem die Besucher lange verweilten. Später erfuhr ich, dass dort polnische und litauische Soldaten begraben liegen, die während des Polnisch-Litauischen Kriegs fielen. Damals, am Ende des Ersten Weltkrieges, griffen polnische Freischärler nach dem Rückzug der Roten Armee Litauen an, besetzten Vilnius und setzten in der Folge den Anschluss an Polen durch. 1935 wurde in der Mitte dieses Begräbnisplatzes das Herz von Józef Pilsudski (1867 bis 1935) feierlich beigesetzt. Dies geschah auf seinen ausdrücklichen Wunsch. Er stammte aus Vilnius und wollte zeigen, wie sehr er sich seiner Heimat immer noch zugehörig fühlte. Marschall Pilsudski wurde schon damals und wird noch heute als Staatsführer in Polen hoch verehrt, deshalb wurde sein Leichnam in der Wawel-Kathedrale in Krakau bestattet. Noch immer besuchen viele Polen alljährlich sein Grab in Vilnius.

Der Friedhof selbst liegt auf einem Berghang, so dass man schmale, bei Regen glitschige Treppen und Wege hinauf- und hinabsteigen muss.

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Grabmal für Davainis-Silvestraitis (Foto Barbara Leisner)

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Grabmal des Künstlers Raphael Iakimaviöisu (Foto Barbara Leisner)

Einzelne Grabmale sind inzwischen sogar unter Denkmalschutz gestellt worden, so zum Beispiel das Grabmal für den in Litauen berühmten Volkskundler, Dichter und Schriftsteller Davainis-Silvestraitis (1849 bis 1919), der unter anderem Iitauische Märchen und Legenden gesammelt und herausgegeben hat. Sein Grabmal ist ein hölzerner überdachter Pfeiler, aus dem sein Porträt herausgearbeitet ist. In den Händen trägt er eine Fackel und ein offenes Buch, eine Gestaltungsweise, die typisch für die litauische Volkskunst ist.

Eindrucksvoll ist auch die steinerne Grabmalplastik des Malers, Bildhauers und Dozenten Raphael lakimaviöius (1893 bis 1961): ein rechteckiger Aufbau aus unterschiedlich behauenen Felsblöcken, auf dem sich ein monumentaler Männerkopf gegen einen Steinpfeiler lehnt, den er mit seinem rechten Arm umfasst.

Hochzeit in Trakai

von Barbara

Unsere Gastgeber hatten für letzten Nachmittag unseres Treffens einen Besuch der nahegelegenen mittelalterlichen Burg Trakai organisiert. Überrascht von der idyllischen Lage, an einem See wanderten wir von dem überfüllten Parkplatz hinüber zur Burg, die sehr gut erhalten schien. Tatsächlich ist sie im letzten Jahrhundert sorgfältig restauriert und in vielen Teilen ergänzt worden. Es war heiß und sonnig an diesem Tag. So kam es gerade recht, dass gleich hinter dem Eingang eine Litauerin ihre selbstgehäkelten Sonnenhüte verkaufte. Sie fanden bei uns reißenden Absatz und durften dann später auch noch andere Reisen mitmachen. Utas Sonnenhut erlitt allerdings in der Türkei eine arge Verformung, denn er wurde in Troja, wo es sehr heiß war, an Ilari aus Finnland ausgeliehen, dessen Kopfumfang doch deutlich größer war als ihrer!

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Ilari mit Utas Sonnenhut (Foto Marlit Pfefferle)

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Burg Trakai (Foto Barbara  Leisner)

Die Burg von Trakai enthält ein Museum, in dem man viel über den Ort erfährt. Wer hätte denn wohl gedacht, dass hier im hohen Norden Nachfahren der Karäer zu Hause sind, die als jüdische Religionsgemeinschaft zu den Turkvölkern gehören? Ihre Sprache, die sich noch heute in Litauen erhalten hat, ist einer Untergruppe der westtürkischen Sprachen zuzuordnen.

Als wir die vielen Treppen in den hohen Burgturm erklommen, alle Räume besichtigt hatten und wieder unten angekommen waren, schlenderten wir Richtung Parkplatz zurück, wo kleine Andenkenläden und  größere Gaststätten zum Besuch einluden.

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Stretchlimousine (Foto Barbara Leisner)

Davor parkte eine extralange Stretchlimousine. Brautpaar und Angehörige stiegen aus. Fotos wurden gemacht und wir durften erleben, wie die Braut auf das Dach der Limousine gehoben wurde und dort posierte. Hochzeiten sind anscheinend überall in Europa gleich – bis auf den Hintergrund der Hochzeitsfotos natürlich.

Marlits Video vom Besuch in Vilnius

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